Christine Zeis – Schreibschnipsel: Über Gott und die Welt…..

Sr. Christine Zeis
Ordensfrau und Seelsorgerin

Feuergold

Die Ranken des Gestern,
verfangen im Dornengestrüpp,
verletzen zu neuen Wunden.
In der Enge gehalten,
kein Durchkommen in Sicht.

Mein Jesus-Du lächelt,
leuchtet im Unwegsamen
den Weg zum Weiter.
Der Dornengekrönte
sammelt die Zweige.

Zum Wandlungsfeuer
wird der Dornenbusch,
entzündet vom ewigen Du.
Das Ego-Erz hingeschmolzen
zu gereinigtem Gold.

Der Ring
ist geschmiedet
aus Liebe.

                                   Christine Zeis | November 2020

Kinderleicht

Sing uns zu Herzen,
Weihnachtsbotin.
Sing das Lied vom schönsten Wort.

Seht. Da. So ist Gott.
Der Herzensöffner
in machtloser Kleinheit
liebesmächtig.

In seine ausgestreckten
Kinderhände
leg dein Zuwenig.
Es ist gut.

Dahin geschmolzene Herzenshärte
federleichte Zärtlichkeit
lächelnde Liebe
vertrauensselig.

Der Weg der Erlösten
ist der Weg des Kindes.
Der Himmel steht offen.

            Sr. Christine Zeis MC/ Advent 2015


Gute Aussichten

Am Anfang eines Jahres wird uns die Zeit überhaupt und auch die eigene Lebenszeit bewusster als zu sonstigen Zeiten. Zu gerne möchten wir wissen, was kommen wird. Wir möchten uns einstellen, Absicherungen haben für unser Sicherheitsbedürfnis. Vielleicht die Garantie, dass alles gut geht und gut wird und gut ausgeht. Bitte ein Happy-End! Und ein Ende der Pandemie. Und Arbeit. Und Gesundheit. Und Urlaub. Und wieder Freunde treffen. Und eine bessere Welt. Und eine reformierte Kirche. Und….und…. und….  Schön wär’s, wenn wir einen Zauber-Wunschbaum hätten und das Märchen endete mit: „…und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“

Doch das Happy-End ist nicht garantiert und wir erfahren immer wieder, dass das Leben kein Frühlingsspaziergang ist. Was dann bleibt, ist die Hoffnung. Hoffnung ist anders als Wünschen. Hoffnung hat eine Kraft in sich und eine Richtung für das Handeln – oder auch für das Ertragen. Manchmal ist Hoffen ganz schön schwer: dann brauche ich Kraft zum Hoffen und Mut, trotz allem  an das Licht am Ende des Tunnels zu glauben. Ein Hoffnungslicht brauche ich ja dann besonders dringend, wenn es richtig dunkel um mich (und in mir) ist. Und manchmal blüht dann überraschend wie ein Geschenk Hoffnung auf. Oder vorsichtiger ausgedrückt: Etwas mehr Zuversicht, etwas mehr Ausdauer, etwas mehr Spannkraft und Mut.

Für Bassem, einen jungen Studenten aus Syrien, ist der Neujahrstag das schönste Fest des Jahres. Denn er verbindet damit die Hoffnung, dass die Situation besser wird: für sein Land, für seine Familie, für ihn in der Fremde. Es kann besser werden. Es gibt eine neue Chance. Hoffentlich. Ich bewundere ihn dafür, denn für mich ist Hoffen manchmal ganz schön schwer im Blick auf meine Gesundheit und im Blick auf unsere Welt, auf das Klima, auf unsere Kirche. Da bringt Fulbert Steffensky seine Sicht ein und bringt wieder in Schwung: „Hoffen lernt man auch dadurch, dass man handelt, als sei Rettung möglich. Hoffnung garantiert keinen guten Ausgang der Dinge. Hoffen heißt darauf vertrauen, dass es sinnvoll ist, was wir tun. Hoffnung ist der Widerstand gegen Resignation, Mutlosigkeit und Zynismus.“

Also hoffen wir weiter und wandern wir weiter in den Herausforderungen, die das Leben uns zumutet. Ich merke, dass in den letzten Jahren meine Hoffnung noch viel weiter greift. Weit über die aktuellen Situationen hinaus, auch über mein Leben hinaus und sogar über die Weltzeit hinaus. Nicht immer, aber immer wieder hoffe ich auf ein gutes Ende und vertraue darauf. Das ist viel mehr als ein Happy-End. Das ist Hoffnung, die in Gott gründet. Gott hat sein Ja in diese Welt gelegt. Das Ja gilt vom Anfang bis ans Ende. Hand in Hand mit Gott, der versprochen hat, mit uns zu sein auf allen unseren Wegen und an allen Tagen unseres Lebens, können wir zuversichtlich und beherzt in das neue Jahr gehen. Mit unendlichen guten Aussichten.

Sr. Christine Zeis MC | Jahresanfang 2021


Inkarnation

hinein in die Welt!
in Berührung. in Beziehung. in Verbindung.
hinein und miteinander
sich verbinden mit anderen
weltlich

hinein mischen. ein mischen.
die Welt verändern zum Guten.
mehr vom Guten
durchwirken
die Wirklichkeit
Mehr!

hinein geben und hin geben
sich brauchen lassen
wirklich Nahrung
Brot für das Leben der Welt
wie Jesus.

                                   Sr. Christine Zeis | 2016

Impuls zum Sonntagsevangelium

Gefunden

Ein Hoch auf die Suchenden! In drei Geschichten werden die Suchenden von Jesus gefeiert:  der Hirte, die Frau, der Vater. Unermüdlich und geduldig suchen die drei: das 100. Schaf, die zehnte Drachme, den zweiten Sohn. Der Glaube an die Möglichkeit des Findens lässt sie Wege auf sich nehmen, das Haus auf den Kopf stellen und geduldig Tag für Tag Ausschau halten. Die drei sind wahrlich zu preisen für ihren Glauben.

„Barmherzig und gnädig ist der Herr, langmütig und reich an Güte.“  (Ex 34,6) Das ist das alte Glaubensbekenntnis Israels. Lange gewusst, geglaubt, gelernt, zitiert. Aber von den frommen Zuhörern Jesu offensichtlich nicht verinnerlicht. Jesus betont: So ist Gott! Er ist der unendlich geduldige Suchende. Freut euch mit, wenn das Suchen gelingt. Freut euch mit über das Finden!

Wenn das nicht „Evangelium“ – „Frohe Botschaft“ ist! Nicht nur Mit-Leiden ist gefragt von uns Christen, sondern ebenso unser Mit-Freuen. Wir sind zutiefst verbunden, solidarisch mit den Mit-Menschen in Freude und Hoffnung, Trauer und Angst… Unsere Schwestern und Brüder gehen uns etwas an. Und wie es ihnen geht, geht uns etwas an und geht uns zu Herzen. In Leid und Freud.

Also: Freuen wir uns mit, wenn das Suchen zum Finden wird und Geschichten gut werden!

Sr. Christine Zeis MC | 24. Sonntag im Jahreskreis, C / Lukas 15, 1-32


Renovierungsmaßnahmen

Denkmalschützer wissen es und Hausbesitzer wissen es: Wenn ein Gebäude nicht gepflegt und immer wieder renoviert wird, verfällt es und wird mit der Zeit unbewohnbar. So ist z.B. im historischen Zentrum meiner Heimatstadt ein denkmalgeschütztes Haus einsturzgefährdet, weil die Immobiliengesellschaft ihren Verpflichtungen nicht nachkommt und schon jahrelang nichts an dem Haus gemacht hat. Jetzt gibt es einen Rechtsstreit, der wahrscheinlich Jahre dauern wird. Das Haus verfällt weiter; bewohnt kann es schon längst nicht mehr werden.

Warum ich das erzähle? Weil mir meine Kirche am Herzen liegt und weil ich nicht will, dass sie einsturzgefährdet ist. Wenn am weltweiten und ortsnahen „Kirchenhaus“ keine Renovierung durchgeführt wird, ist die Einsturzgefahr groß. Und unbewohnbar wird die Kirche auch: Sie verliert die Anziehung für die Menschen immer mehr, wird bedeutungslos und leer. Wozu ist sie dann da? Ein „Reformstau“ in der Kirche ist ähnlich einer nicht durchgeführten notwendigen Renovierung eines schützens- und liebenswerten alten Hauses.

Der Reformationstag, den die protestantischen Kirchen in der nächsten Woche am 31. Oktober feiern, erinnert mich Katholikin daran, dass zur Kirche wesentlich gehört, sich ständig zu erneuern, um ihrem Auftrag für die Welt in jeder Zeit gerecht zu werden. Und selbstverständlich genügen Strukturreformen allein nicht. Aber ohne sie kann das Haus auf Dauer nicht mehr bewohnt werden. –

„Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die andern Windmühlen“. Beides ist recht. Wenn die Mauern zu einer Renovierungsmaßnahme gehören, sind sie genau so gut wie die Energiegewinnung durch die Windmühlen.  Gott sei Dank weht der heilige Geist-Wind auch in unserer Zeit. Möge er den Wandel und die Reform in Fahrt bringen!

Wort zum Sonntag | Weilheimer Tagblatt Oktober 2019


Exerzitiengedichte

Heiter und zärtlich
schmetterlingsflügelgleich
ein sanftes Lächeln auf den Lippen der Seele
Nein, ich strenge mich nicht an.
Öffne du mich, Geliebter
von innen.
Zieh mich an dich
nach innen.
außen ist Mühe
innen ist fallen lassen
lächelnd ja.
mein ja in deinem JA
Schmetterlingskuss.

Das sanfte Meeresrauschen
Ozeanbrandung meines Bauches
bewegt vom ewigen Atem.
Atme mich aus in dich ein aus dir.
Ein-Atem. Ein-Klang.
geatmet Lebendiger.

Ach, wie schön wäre bleiben.
Bleib doch!
Bleib in meiner Liebe.

Heiliger Raum
hineingenommen
verlockt.
Tritt ein. Du bist erwartet.
Wer tritt wo ein?
Gleichzeitig: Wer zählt bis drei?
Eine Tür ist da nicht.
Gerade erst entsteht sie aus dir und mir.
Architekten der Ewigkeit haben unendliche Möglichkeiten:
je neu erbaut
jetzt wenn du mich lässt.
jetzt wenn ich mich lasse
hineinlasse in dich.

                                   Sr. Christine Zeis

Pfingstlied

Durchatme mich, Heiliger Geist,
damit Erstarrung uns
nicht die Luft abschnürt.
Ich will deinen Liebesatem verströmen.

Spiele mit mir, Heiliger Geist,
damit unsere Erde den Mächtigen
nicht zum Spielball wird.
Ich will das Heilsspiel spielen.

Tanze mit mir, Heiliger Geist,
damit der Tanz ums Kalb
nicht die Musik angibt.
Ich will den Gottesklang tanzen.

Ewige Schöpferin Liebe,
berühre uns in deiner Kraft
und die neue Welt
sprießt taufrisch hervor.

Sr. Christine Zeis | 2003 veröffentlicht in kontinente