Vom Trost und Wirken – 06.12.20

Ich versuche in den Texten zu erspüren, wie sich Gott zu der realen Situation seines Volkes stellt. Wie wendet Er sich uns zu?

In der Zeit, als dieser Text des sog. Deuterojesaja entstand, steckte das Volk Gottes im Exil in einer schweren Krise. Die ersten Worte des Propheten in diesem biblischen Buch lauten: „Tröste, tröste mein Volk.“ Gott will trösten, will das Ende des Frondienstes. Der Prophet nimmt wahr (eine Stimme ruft) wie sich dieser Wunsch Gottes realisieren kann: „Baut eine Straße durch die Wüste, ebnet Wege!“

Das ist eine sehr herausfordernde Aufgabe, umso mehr, als es sich nicht um einen realen Straßenbau handelt. Es geht um alles, was der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Menschenwürde entgegensteht. Das soll geebnet werden, Neues soll gebaut werden. Das Fehlen von Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Respekt vor Menschenwürde ruft ja die Wüste, d.h. die feindlichen Lebensbedingungen hervor. Diese lassen jeden Einzelnen und das ganze Volk leiden. Das ist eindeutig nicht der Wunsch Gottes! Er will den Trost, damit Freude aufkommen kann. Und dann bricht das Handeln Gottes durch, der wie ein guter Hirte sein Volk sammelt, es weidet, die Lämmer (d.h. die Schwächsten) an seiner Brust trägt und die Muttertiere behutsam führt.

Im Evangelium, ca. 800 Jahre später, nimmt der Evangelist Markus den Ruf wieder auf. Johannes der Täufer ist es, der in der Wüste ruft wie der Prophet damals. Der Ruf zielt darauf, Gott Raum zu geben in unserem Leben durch die Praxis und Haltung der Gerechtigkeit, durch Barmherzigkeit, durch Respekt in unseren Beziehungen. Der Trostruf ist deshalb wahrlich kein abstrakter Ruf. Er will wirksam werden, konkret in unsere heutigen Lebensrealitäten hinein wirken. Wo dies gelingt, bricht wahrlich Freude auf.

Sr. Paula Wuschitz MC

2. Adventssonntag / Jesaja 40,1-5.9-11 und Markus 1,1-8