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Andere Maßstäbe

Jahrelang habe ich mit meiner Mitschwester im früheren Jugoslawien, noch zu Titos Zeiten, gelebt und gearbeitet. Auf dem Markt haben wir unsere Blumen, Bohnen und Paprika verkauft. Da kamen wir  schon früh am Morgen an Handwerkern vorbei, die mit ihren Malerpinseln und Farbtöpfen, ihren Spachteln und Maurerwerkzeugen vor der Markthalle saßen und darauf warteten, ob sie jemand engagieren würde. Und manchmal, wenn wir zu Mittag schon alles verkauft hatten und uns auf den Heimweg machten, saßen noch immer einige von ihnen da und warteten an diesem Tag vielleicht wieder einmal umsonst. Ich kann mir ihre Sorgen gut vorstellen und auch ihre Erleichterung, wenn sie doch wieder für einen Tag Arbeit und Verdienst hatten.

Das heutige Evangelium vom Weinbergbesitzer, der Arbeiter für seinen Weinberg engagiert, ist mir darum sehr vertraut. Allerdings, das Ende der Geschichte ist schon etwas ungewöhnlich: Da bekommen die, die gerade eine Stunde im Weinberg waren, gleich viel wie die, die den ganzen Tag in der Hitze geschuftet haben. Ungerecht ist das schon! Ich würde mich auch ärgern, wenn ich bei den ersten dabei gewesen wäre.

Jesus erzählt gerne Gleichnisse, die seine Zuhörer aufregen und mit Unverständnis reagieren lassen. Aber natürlich hat der Weinbergbesitzer Recht: Er kann mit seinem Geld tun, was er will, und er hat sich ja an seine Abmachung gehalten. Dass er dann diejenigen so außergewöhnlich belohnt, die er zuletzt engagiert hat, ist allein seine Sache. Und trotzdem – seine Güte ist schwer zu verstehen

Sr. Margarita Erlacher MC

25. Sonntag im Jahreskreis / Matthäus 20, 1-16

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