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08.02.2018 00:00

Ina stinkt und Jasmine ist zu dick


In meiner Grundschulklasse war ein Mädchen, das gestunken hat. Als Sechsjährige konnte ich Inas strengen Geruch nicht einordnen: Kam Ina von einem Bauernhof und spielte mit derselben Kleidung im Stall, die sie auch in der Schule trug? Oder hatte ihre Familie keine Waschmaschine? Oder kein Badezimmer? –  Ich weiß es bis heute nicht. In Erinnerung geblieben ist mir lediglich, dass ich Ina deshalb nicht mochte und einen Bogen um sie machte. Auch andere Kinder reagierten ähnlich. Ina wurde eine Außenseiterin.

Nach meinem Schulwechsel fiel mir in der neuen Klasse Jasmine auf, die keine Freundin hatte. Sie war richtig dick. Alles an ihr schwabbelte, obwohl sie auch erst 8 Jahre alt war. Dabei hatte sie so schöne schwarze Haare und ganz helle Haut. Niemand wollte sie anfassen, und wenn für das Völkerballspiel Mannschaften gewählt wurden, blieb sie immer als letzte übrig.

Diese beiden Schulkameradinnen sind mir nach Jahrzehnten wieder eingefallen, als ich das Evangelium dieses Sonntags meditierte. Es erzählt von einem Aussätzigen, einem Mann, der nicht dazugehörte. Er wird darunter schon lange gelitten haben, denn sonst hätte er nicht den Mut aufgebracht, Jesus aufzusuchen und ihn um Hilfe zu bitten. Jesus hat Mitleid mit dem Mann. Jesus will, dass er rein wird und wieder zur Gesellschaft gehört. Jesus sieht in Jedem den Menschen, ein Geschöpf Gottes, Gottes Ebenbild. Er weiß, dass jeder Mensch Andere braucht, um leben zu können.  

Heute würde ich Ina ansprechen und sie fragen, wo sie wohnt oder mich gar von ihr einladen lassen, um selber zu sehen, woher sie kommt. Und Jasmine würde ich sagen, dass ich ihre schwarzen Haare bewunderte, und dass ich Völkerball auch ein doofes Spiel finde.

Ich habe zwar nicht die göttliche Heilungskraft, um Aussatz zu tilgen, wohl aber die Gabe, Ausgesetzte wahrzunehmen und ihnen neu Ansehen zu schenken. Das will ich leben!

Sr. Ruth Pucher MC

6. Sonntag im Jahreskreis /  Markus 1, 40-45